Romantik, Erdbeereis und jede Menge Vergangenheit
Die Sonne stand groß und orangerot am Himmel und schickte sich an, gemächlich der Nacht zu weichen und dem Mond das Regiment zu übergeben. Die warme Luft auf dem Steg genießend, ließ ich meine Füße ins Wasser baumeln und hörte die Insekten neben mir summen. Langsam legte ich mich auf den Rücken, sog den Duft des warmen Holzes unter mir ein und schloss die Augen. Meine Gedanken wanderten zu meinem Schatz. Ich wartete auf Georg, er war zur Tankstelle gefahren und holte für mich Erdbeereis. Noch keine zwei Tage war es her, als wir uns hier auf diesem einsamen Steg das erste Mal liebten. Wir stillten unsere Sehnsucht, liebkosten jeden Zentimeter unserer Körper und versanken ineinander, so nah und innig, wie sich ein Mann und eine Frau kommen konnten. Wie sehr hatte ich jenen Moment herbeigesehnt…
Es war keine Liebe auf den ersten Blick zwischen Georg und mir, ganz im Gegenteil. Von Kindesbeinen an kannten wir uns. Unsere Eltern waren eng befreundet und viele Sommer verbrachten wir an diesem See wie Bruder und Schwester beim Baden, Toben und Erdbeereis essen. Als Teenager verabschiedeten wir uns unbewusst von unserer glücklichen Kindheit und gingen neue, nicht weniger spannende, getrennte Wege und verloren uns aus den Augen. Beinahe hatte ich Georg vergessen, nur wenn ich an den See dachte, fielen mir die von Lachen und Toben erfüllten Stunden wieder ein, während unsere Eltern zufrieden Wein tranken und uns beim Spielen zusahen. Wie traurig mussten sie gewesen sein, als wir uns entschlossen, lieber mit eigenen Freunden die Ferienzeit zu verbringen anstatt am See, wenngleich sie auch stolz waren, dass sie uns zu selbstständigen Menschen erzogen hatten.
Schließlich holte mich das Erwachsenenleben ein, die Arbeit raubte den Großteil der Zeit, die man mit sechzehn Jahren so unbeschwert hatte verrinnen lassen. Zunehmend merkte ich, wie ich ausgebrannt war, dass ich kürzertreten musste. Meine Mutter, mittlerweile ergraut und mit unzähligen, freundlichen Fältchen übersät, schlug vor, dass ich alleine an den See fahren sollte. „Nimm mit, was du brauchst, schalte ab, mein Mädchen.“, waren ihre Worte, dabei ergriff sie die Hand meines Vaters. Sie blickten sich an, als seien sie frisch verliebt und die Erinnerungen an den See prasselten auf mich ein wie ein warmer Sommerregen. Mein Entschluss stand fest, ich würde zwei Wochen Abstand von allem suchen, meine Lieblingslektüre einpacken und am See in der alten Hütte leben.
Mein Kofferraum war mit Vorräten gefüllt, als ich mich an einem späten Vormittag auf den Weg machte. Im Radio lief Natalie Imbruglia und ich fühlte mich gelöst und frei. Ich spürte, dass ich zu mir selbst finden, dass dieser Sommer alles verändern würde. Ich freute mich auf die Einsamkeit und Stille. Als ich auf die abgelegene Straße zum See abbog und nach fünfhundert Metern einen Jeep parken sah, sah ich meine romantische Vorstellung von Ruhe und Erholung schwinden. Neugierig, wer sich hierher verirrt hatte, stieg ich aus meinem Wagen und lief die letzten Meter über den beinahe zugewachsenen Trampelpfad, bis sich vor mir die Bäume öffneten und den Blick auf den See zuließen. Und auf die Hütte. Und auf…
…Georg! Ich blieb wie angewurzelt stehen und betrachtete ihn. Vom schlaksigen, sommersprossigen Jungen hatte er sich zu einem sehr attraktiven Mann gemausert, breite Schultern, schmale Hüften, knackiger Po. Mir fiel nach der ersten Überraschung auf, dass er nackt war und mit dem Rücken zu mir stand. Ich räusperte mich und es entlockte mir ein Lächeln, wie er erschrocken zusammenzuckte und sich zu mir drehte. Nach einigen Momenten machte sich in Georgs Gesicht Erkennen breit. „Sabine! Was machst du hier?“ Ich zog die Augenbraue hoch und guckte auf sein ansehnliches Gemächt. Er wurde sich seiner Nacktheit gewahr und schnappte sich ein Handtuch, band es um seine Hüfte. „Ich könnte dich dasselbe fragen!“, erwiderte ich währenddessen freundlich und ging auf ihn zu. Wir umarmten uns herzlich und musterten uns gegenseitig mit freundlichen Blicken.
Wir setzten uns vor die Hütte und ich erzählte ihm von meinem ursprünglichen Plan, hier Ruhe und Abstand zu finden. Georg nickte. „Aus ganz ähnlichen Gründen bin auch ich hier. Gestern bin ich angekommen und hab die Hütte auf Vordermann gebracht. Schau mal!“ Fast übereifrig sprang er auf, zog mich hoch, zeigte mir sein Werk, erzählte und steckte mich mit seiner fast kindlichen Laune an. Wir plauderten, als wenn wir uns nie aus den Augen verloren hätten und Georg half mir, meine Vorräte und Habseligkeiten in die Behausung zu schaffen. Schließlich grillten wir gegen unseren Hunger wie es früher unsere Eltern getan hatten und frischten gegenseitig unsere Kindheitserinnerungen an unsere Ferien am See auf. Ich spürte, dass mich etwas an Georg magisch anzog. Es war nicht nur die gemeinsame Vergangenheit, es war mehr. Sein süßes Lächeln, das Grübchen, das sich dabei bildete. Seine Männlichkeit Es kribbelte in meinem Bauch, es breitete sich mit zunehmender Zeit bis zu meiner Perle aus und ich verfluchte mich dafür. War Georg nicht immer so etwas wie ein großer Bruder gewesen? Wie konnte ich mich da in ihn verlieben? Ihn begehren?
Ich machte mir klar, dass ich jederzeit fahren konnte, was mich beruhigte, aber es bändigte nicht meine aufkeimenden Gefühle. Wir verbrachten einen tollen, gemeinsamen ersten Tag, schwammen wie früher auf die andere Seite des Sees, wandelten auf den alten Pfaden. Nicht nur ich hatte Gefühle entwickelt, auch Georg sendete Signale, gleichzeitig Zurückhaltung. Mit diesem zwiespältigen, verwirrenden Empfinden verbrachten wir vier Tage und jede zufällige Berührung war wie ein tosender Blitzschlag in meinen Eingeweiden, die mich schwach machte. Immer weniger waren wir die Kinder von früher, immer mehr Liebende.
Schließlich lagen wir eines Abends auf dem Holzsteg. „Weißt du noch? Als Kinder badeten wir nackt im See…“, erwähnte Georg. Ich blickte ihm lange in die Augen, mein Herz pochte wild. Entschlossen sprang Georg plötzlich auf, ließ die Hosen runter und sprang einen Moment später nackt in den See. Ich zögerte nur kurz, dann tat ich es ihm gleich, zog meinen Bikini aus, folgte Georg in den See und spürte gleich darauf das kühle Wasser auf meinem nackten Körper. Nach einigen kräftigen Schwimmzügen planschten und spritzten wir uns gegenseitig nass, bis mich Georgs Arme umschlangen und zu sich zogen. Der folgende Kuss im See war überwältigend, ich bekam weiche Knie und Georg half mir auf den Steg. Er küsste mich überall, meinen Hals, meine Brüste. Seine Finger waren zart und verschafften mir heiße Schauer, bis ich mich nach seinem heißen Speer verzehrte und ihn in mein Paradies drängte. Fest umschlungen, mit ruhigen, rhythmischen Bewegungen schaukelten wir uns ineinander verschmolzen in höhere Sphären der Lust und Begierde, die uns mit gewaltigen Eruptionen belohnten, die uns den Atem raubten. Es dauerte lange, bis wir uns beruhigt hatten, nur um uns ein weiteres Mal zu lieben.
Nun lag ich alleine auf dem Steg und wartete auf meinen Schatz. Ich spürte seine Hände und seine Lippen noch immer auf mir. Die Sonne war während meiner Träumerei tiefer gesunken und endlich, endlich war er wieder bei mir… Unsere späteren Küsse schmeckten nach Erdbeereis und einem Sommer, der mich unendlich glücklich machen sollte.
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